Jugendarbeit im Jugendarrest Göppingen: Wenn Personal Training zur Lebenshilfe wird
Als Personal Trainer liegt mir mehr am Herzen als nur Muskelaufbau und Fitness. Ich freue mich immer, wenn junge Menschen auf mich zu kommen und wirklich Wissen wollen. Ganz gleich, ob das in den Fitness Studios ist, wo ich regelmäßig bin oder ob sich meine Arbeit im Jugendarrest Göppingen zeigt: Sport und gesunde Ernährung können jungen Menschen in schwierigen Lebensphasen echte Perspektiven eröffnen. Ein Erfahrungsbericht über meine Arbeit in der Jugendarrestanstalt in Göppingen, die Hoffnung gibt.
Was ist der Jugendarrest Göppingen?
Die Jugendarrestanstalt Göppingen ist eine von nur zwei Jugendarrestanstalten in Baden-Württemberg. Sie befindet sich in einem historischen Fachwerkgebäude am Schlossplatz in Göppingen – im ehemaligen Marstall des Schlosses aus dem 16. Jahrhundert. Mit 31 Plätzen bietet die Einrichtung Raum für jugendliche und heranwachsende Arrestanten, die nach dem Jugendstrafrecht verurteilt wurden.
Welche Jugendlichen sind dort?
Im Jugendarrest sind junge Menschen im Alter von 14 bis 21 Jahren untergebracht, die nach dem Jugendgerichtsgesetz verurteilt wurden. Es handelt sich um Jugendliche und Heranwachsende, die strafrechtlich auffällig geworden sind – meist durch Delikte wie Diebstahl, Schwarzfahren, Körperverletzung, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz oder andere Straftaten.
Wichtig zu verstehen: Diese jungen Menschen sind keine „Schwerverbrecher“, sondern Jugendliche, die an einem Wendepunkt ihres Lebens stehen. Viele kommen aus schwierigen familiären Verhältnissen, haben Probleme in der Schule gehabt oder sind in falsche Kreise geraten. Der Jugendarrest soll ihnen eine Chance geben, über ihr Verhalten nachzudenken und einen neuen Weg einzuschlagen.
Wie lange bleiben die Jugendlichen dort?
Je nach Urteil gibt es unterschiedliche Arrestformen:
- Freizeitarrest: Ein bis zwei Wochenenden (jeweils von Freitagmittag bis Sonntagnachmittag)
- Kurzarrest: 2 bis 4 Tage
- Dauerarrest: Mindestens eine Woche, maximal vier Wochen
Die meisten Jugendlichen, mit denen ich während meiner Jugendarbeit zu tun hatte, absolvierten einen Dauerarrest von ein bis vier Wochen. Diese Zeit mag kurz erscheinen, doch sie bietet ein wichtiges Zeitfenster für Veränderung.
Die unsichtbare Krise: Fehlende Möglichkeiten bei Jugendlichen
Ein Teil der Jugendlichen im Arrest kommen aus Familien, in denen:
- Fertiggerichte und Fast Food die Hauptnahrungsquellen sind
- Sport und Bewegung keine Rolle spielen
- Gesundheit erst dann zum Thema wird, wenn Probleme auftreten
- Der Zugang zu Fitnessstudios, Vereinen oder selbstgekochten Essen fehlt
- der Migrationshintergrund zur Herausforderung wird
- soziale Kontakte fehlen
- Eltern große Schwierigkeiten haben, mit ihren Kindern umzugehen
- kaum deutsch gesprochen wird
- Probleme nicht besprochen werden, da die Eltern selbst viele Probleme haben
Meine Arbeit im Jugendarrest: Zweimal pro Woche für Bewegung und Bewusstsein
Über ein Jahr war ich zweimal pro Woche im Jugendarrest Göppingen, um mit den jungen Arrestanten Sport zu treiben und gemeinsam zu kochen. Diese beiden Säulen – Bewegung und Ernährung – gehören zu meinem Fundament in meiner täglichen Arbeit und das möchte ich auch jungen Erwachsenen und Jugendlichen näher bringen.
Selbstwirksamkeit erleben. Gezielte Sporteinheiten
Viele dieser Jugendlichen fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen und haben oft niemanden zum Reden. Eltern sind in diesem Alter sowieso oft die falschen Ansprechpartner ( ganz gleich aus welchem Kulturkreis die Menschen kommen ) für die persönlichen Probleme der und viele junge Menschen tun sich heutzutage schwer mit sozialen Kontakten. Und wenn sie welchen haben, sind sie oft der Grund warum sie im Jugendarrest gelandet sind. Zudem haben sie Misserfolge in der Schule erlebt, negative Rückmeldungen von Eltern und Lehrern bekommen und oft das Gefühl, dass sie „eh nichts hinbekommen“. Sport bietet hier eine einzigartige Chance:
- Unmittelbare Erfolgserlebnisse: Wenn du heute 5 Liegestütze schaffst und nächste Woche 8, hast du einen messbaren Erfolg – unabhängig von Schulnoten oder Elternmeinung.
- Kontrolle über den eigenen Körper: Viele dieser jungen Menschen fühlen sich als Opfer ihrer Umstände. Training zeigt ihnen: Du kannst aktiv gestalten und verändern.
- Stressabbau: Aggression, Frust und Wut – Gefühle, die viele dieser Jugendlichen mit sich herumtragen – können im Sport konstruktiv kanalisiert werden.
- Teamfähig und Respekt
- Lernen mit Niederlagen umzugehen. Nicht jede Übung oder Spiel ist von Sieg geprägt. Manchmal verliert man eben.
- Gemeinsam Ziele zu erreichen stört das miteinander
- Motivation an etwas dran zu bleiben, da auch schon nach kurze Zeit Fortschritt möglich ist
Kochen: Lebenskompetenz auf dem Teller
Gemeinsam mit den Jugendlichen haben wir einfache, gesunde Gerichte mit frischen Zutaten gekocht – Mahlzeiten, die sich auch mit kleinem Budget problemlos nachkochen lassen und keine großen Kochkenntnisse erfordern. Dabei ging es nicht nur ums Essen selbst, sondern auch darum, Wissen und Erfahrungen zu vermitteln. Die Jugendlichen lernten, was Kohlenhydrate, Proteine und Fette sind, welche Nährstoffe der Körper braucht und warum zu viel Fast Food langfristig problematisch sein kann. Ebenso wichtig waren die praktischen Fähigkeiten: Gemüse richtig zu schneiden, Fleisch zuzubereiten oder eine Mahlzeit sinnvoll zu planen. Durch das eigene Tun entstand eine neue Wertschätzung für Lebensmittel – denn wer selbst kocht, entwickelt ein anderes Verhältnis zum Essen, als wenn man nur eine Fertigpizza in den Ofen schiebt. Und schließlich hat das gemeinsame Kochen und Essen etwas geschaffen, das über das Kulinarische hinausgeht: Gemeinschaft, Austausch und ein kleines Stück Normalität im oft schwierigen Alltag.
Die Magie der Routine
Zweimal pro Woche mag nach wenig klingen – aber für Jugendliche, die oft keinerlei Struktur in ihrem Leben haben, war genau diese Regelmäßigkeit wertvoll. Sie wussten: Montags und Donnerstag kommt Marcus, und wir machen Sport und kochen zusammen. Diese Verlässlichkeit, diese Struktur, dieses „Jemand kümmert sich um mich“ – das sind Erfahrungen, die viele dieser jungen Menschen selten gemacht haben.
Warum mir Jugendarbeit so wichtig ist
Sollten wir nicht lieber nach „Prävention“ statt „Reparatur“ leben? Wenn wir wollen, dass die nächste Generation gesund aufwächst und ein positives Verhältnis zu ihrem Körper entwickelt, müssen wir früh beginnen – und wir müssen alle erreichen. Besonders die jungen Menschen, die nicht von Haus aus lernen, was gesunde Ernährung bedeutet oder wie Sport ihr Leben verändern kann. Als Personal Trainer sehe ich täglich 40-, 50- oder 60-Jährige, die versuchen, jahrzehntelange Bewegungsarmut und Fehlernährung zu kompensieren. Sie kämpfen gegen Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Gelenkprobleme. Die Wahrheit ist: Vieles davon wäre vermeidbar gewesen. Wenn wir jungen Menschen früh zeigen, wie wichtig gesunde Ernährung und Bewegung sind, legen wir den Grundstein für ein gesundes Leben. Jeder Euro, jede Stunde, die wir in Jugendarbeit und Prävention investieren, spart uns später ein Vielfaches an Gesundheitskosten und menschlichem Leid. Ich bin der Meinung, Sport und gesunde Ernährung dürfen daher auch keine Privilegien sein. Sie sind Grundrechte, die jeder junge Mensch haben sollte – unabhängig vom Elternhaus, vom Einkommen oder vom Bildungsniveau. Meine Arbeit im Jugendarrest ist ein kleiner Beitrag zur Chancengleichheit.
Psychische Stabilität durch Bewegung
Studien zeigen: Regelmäßiger Sport kann bei Jugendlichen:
- Aggressionen reduzieren
- Depressive Verstimmungen lindern
- Selbstwertgefühl stärken
- Stressresistenz erhöhen
- Konzentrationsfähigkeit verbessern
- Struktur geben, die oft im Alltag fehlt
- Zugehörigkeitsgefühl stärken
Die Herausforderungen der Jugendarbeit
Viele der Jugendlichen haben in der Vergangenheit negative Erfahrungen mit Autoritätspersonen gemacht und gelernt, niemandem zu vertrauen. Dieses Misstrauen zu überwinden, braucht Zeit, Geduld und echtes Einfühlungsvermögen. Hinzu kommen oft Motivationsprobleme: Nicht jeder Jugendliche reagiert begeistert, wenn der „Sport-Typ“ auftaucht. Manche verschließen sich, andere provozieren oder verweigern die Mitarbeit – ein Verhalten, das dazugehört und viel Fingerspitzengefühl erfordert. Die Gruppe selbst ist meist äußerst heterogen. Während einige sportlich sind, haben andere noch nie trainiert. Manche kennen gesundes Essen aus dem Elternhaus, andere haben noch nie frisches Gemüse geschnitten. Alle auf einem gemeinsamen Weg mitzunehmen, ist daher eine tägliche Herausforderung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Zeit in einem Dauerarrest mit nur ein bis vier Wochen sehr begrenzt ist. Eine völlige Lebensumstellung lässt sich in dieser kurzen Phase nicht erreichen – doch es besteht die Chance, Samen zu pflanzen, die später vielleicht aufgehen und Veränderung möglich machen.
Was ich von den Jugendlichen gelernt habe
Jugendarbeit ist keine Einbahnstraße – auch ich habe von diesen jungen Menschen viel gelernt. Die Arbeit mit Jugendlichen im Arrest hat mir gezeigt, wie privilegiert meine eigene Jugend war. Nicht jeder wächst mit unterstützenden Eltern, einer stabilen Umgebung oder Zugang zu Bildung und Ressourcen auf. Diese Erkenntnis macht demütig und dankbar. Gleichzeitig habe ich enorme Bewunderung für die Resilienz vieler Jugendlicher entwickelt. Manche von ihnen haben Dinge erlebt, die ich mir kaum vorstellen kann, und doch sind sie hier, machen mit und geben nicht auf. Diese Stärke verdient tiefen Respekt. Zudem habe ich gelernt, meine eigenen Vorurteile zu hinterfragen. Es ist leicht, über „kriminelle Jugendliche“ zu urteilen – doch wenn man sich die Zeit nimmt, mit ihnen zu sprechen, ihre Geschichten zu hören und sie als Menschen kennenzulernen, erkennt man: In erster Linie sind sie junge Menschen, die Fehler gemacht haben und eine zweite Chance verdienen.
Und das macht den Unterschied.
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